Fachwart-Lehrfahrt in den Zollernalbkreis

 

Obwohl es am frühen Morgen des 7. Januars 2017 in Oberschwaben mit rund -20°C wirklich lausig kalt war, fuhren 11 Fachwarte zur Schnittaktion der Balinger Fachwart-Kollegen nach Balingen-Heselwangen.

Schon während des Überregionalen Fachwartetreffens in Billafingen wurden das Netzwerk der Fachwarte von der Fachwartvereinigung Zollernalbkreis erneut zur Teilnahme an einer Obstbaumpflegeaktion eingeladen. Die Fachwarte des Zollernalbkreises pflegen schon seit einigen Jahren große Obstbaumbestände im Rahmen des Life+  Naturschutzprojektes Vogelschutz in Streuobstwiesen. Die planvolle und nachhaltige Pflege von großen Obstbaumbeständen unter Naturschutz- und Obstbaufachlichen Gesichtspunkten wird dort schon seit einigen Jahren praktiziert und erlaubt auch uns von diesen Erfahrungswerten zu profitieren.

Zu unserer positiven Überrachung war es auf der Zollernalb wesentlich milder: das Thermometer zeigte dort nur -11°C an.

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Markus Zehnder, der Kreisfachberater des Zollernalbkreises nahm sich die Zeit, um uns ausführlich das Pflegekonzept zu erklären. Beim Rundgang über das Gelände, auf welchem 590 Obstbäume stehen, zeigte er uns einige sehr interessante Versuchsbäume welche trotz fortgeschrittenem Birnenverfall wieder vitalisiert werden konnten.  Die Mischung von noch ungepflegten Obstbäumen und solchen, mit einem oder auch schon mehren Pflegedurchgängen bot ein anschauliches, lehrreiches Spektrum am Obstgehölzen.

Nach dem Rundgang durch den beeindruckenden Baumbestand schnitten wir gemeinsam mit unseren Kollegen Obstbäume.Gemeinsam mit anderen Fachwarten und Obstbaumpflegern zu diskutieren und dies dann in die Praxis umzusetzen eröffnet neue Perspektiven und ergänzt die eigenen Baumschnittkenntnisse.

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Das Wetter war besser als erwartet: die Sonne schien und die Temperatur stieg auf milde -6°C. Deshalb griffen wir nach einem ausgiebigen Vesper wieder zu unserem Werkzeug und weitere Apfel- und Birnbäume kamen in den Genuss einer fachkundigen Pflege.

Zu unserer Überraschung wurden auch wir entlohnt. Da wir nicht zum Geldverdienen, sondern zum Austausch und des Weiterlernen wegen nach Heselwangen gefahren waren, darf sich die Vereinskasse des Netzwerkes über die Spende von stolzen 260.-€ erfreuen! Vielen Dank!

 

 

Unsere neue Glückszahl: 23

23 ist die neue Glückszahl des Netzwerkes. Denn hinter Türchen 23 des diesjährigen Adventskalenders der Kreissparkasse Biberach verbargen sich 2.000 Euro für das Netzwerk der Fachwarte und Baumwarte. Der gesamte Vorstand war zur feierlichen Übergabe nach Biberach gekommen und freute sich unbändig über diesen unerwarteten Geldsegen.

Eingesetzt werden soll das Geld für Nachpflanzungen von Obstbäumen auf alten Streuobstwiesen, die dringend einer Sanierung bedürfen

Spende

Foto: Kreissparkasse Biberach

Wiederauszeichnung als UN Dekade Projekt

 

2014 wurde das Projekt SOS Streuobstwiese des Netzwerkes von der UN Dekade Biologische Vielfalt ausgezeichnet.

Die Wiederbewerbung des Netzwerkes war erfolgreich: die Fachjury der UN Dekade Biologische Vielfalt entschied, dass das Netzwerk der Fachwarte erneut ausgezeichnet wird und somit das Logo der UN Dekade weitere zwei Jahre verwenden darf.

UN Dekade Logo Ausgezeichnetes Projekt 2016 500x85px

 

Runder Tisch der Mostereien - Zum 2. Mal lud das Netzwerk die Mostereien der Region zu einem Treffen ein

Die Organisatorinnen konnten drei Keltereien, darunter eine Mobile Saftmoschte, und einige interessierte Fachwarte begrüßen. Auch BUND-Geschäftsführer Ulfried Miller aus Ravensburg, selbst Streuobstwiesenbesitzer und Initiator des Apfelsaft-Projekts Bodensee-Oberschwaben, bereicherte den Abend mit seiner Erfahrung.

Es gibt Grund zur Sorge um die Zukunft der Obstbäume auf Streuobstwiesen, der „Produktionsstätte“ des Obstes, das Keltereien und Brennereien zu Saft oder Brand verarbeiten.

Mit der Präsentation „Fakten-Check Streuobstwiese“ zeigten Claudia Klausner und Antje Beducker auf, wie es um die Obstbäume in Baden-Württemberg und speziell auch im Landkreis Biberach steht:

-        Es gibt laut einer Erhebung des MLR v. 2005 in Baden-Württemberg noch 9,3 Mio Bäume
119.000 im Landkreis Biberach, das entspricht 0,8 Bäume je ha, womit unsere Region zu den Schlusslichtern im Land gehört.

-        Besitzer sind Kommunen (26.000 ha) und Landwirte (30.000 ha),
über die Hälfte ist heute aber in Privatbesitz (60.000 ha).

Saftinder Mosterei-        25 % des Obstes wird in die Keltereien gebracht und dem Anlieferer sofort vergütet oder für Saft-Tausch gutgeschrieben. Die Keltereien pressen daraus Saft für ihre eigenen Marken oder verkaufen das Obst weiter.

-        40 % des Obstes wird von den Besitzern selbst verbraucht, d.h. sie bringen das Obst zwar in die Kelterei zum Pressen, nehmen es dann Bag-in-Box abgefüllt wieder mit nach Hause, also Lohnmosten.

-        75 % der Bäume sind im vollen Ertragsalter, durschnittlich 60 Jahre und älter,Jungbaum ungepflegt
13 % des Bestandes sind nachgepflanzte Jungbäume, die noch kein Obst tragen und

12% der Bäume sind abgängig, werden also in absehbarer Zeit absterben.

-        Der Pflegezustand aller Bäume ist katastrophal:

  • Nur ca. 50 % der Jungbäume werden gepflegt und können somit das Ertragsalter erreichen
  • Nur 20 % aller Bäume werden gepflegt und können somit ihre maximale Lebenserwartung von 100 Jahren und mehr erreichen.

Diese Zahlen konnte Claudia Klausner aktuell nur untermauern. Sie war im Sommer 2016 für eine Kelterei bei der Zählung des Obstes dabei und war selbst auf verschiedenen Streuobstwiesen erschrocken über den Zustand der Bäume.

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Dies ergibt eine Zukunftsaussicht, dass die Zahl der Bäume im Ertragsalter, die hauptsächlich die Ressourcen der Mostereien darstellen, einschneidend abnehmen!!!

Wolfangel klein

Wer selbst Obst anliefert weiß um die niedrigen Preise, die zu Beginn der Erntesaison ab Mitte September gezahlt werden. Diese Start-Vorgabe orientiert sich an der Empfehlung der Fruchtsaftindustrie aufgrund der Erntemengenerwartung. Gibt es in einem Jahr also eine reiche Ernte, sind evtl. die Lager vom Vorjahr noch nicht geleert und bieten andere Länder ihr Obst am Markt deutlich billiger an, dann können auch unsere regionalen Moster nicht mehr bezahlen, denn sie sind zum Teil selbst Lieferanten für die Großhändler. Vor allem die Frühsorten verkaufen sie weiter und können verständlicherweise nicht mehr bezahlen, als sie selbst bekommen.

Ab Mitte Oktober sind die Apfel-Sorten reif, die für die direktvermarkteten Säfte geeignet sind. Dann bezahlen unsere regionalen Moster meist mehr für den Doppelzentner, vor allem für Bio-Zertifiziertes Obst sind gute Preise zu erzielen. Für viele private Anlieferer ist der Preisunterschied zwischen konventionell und Bio-zertifiziert aber kaum erklärbar, zu eklatant. Manche schielen zwar nach der höheren Bio-Vergütung, sind aber nicht bereit, den Aufwand zu betreiben und ihre eigenen Bäume zertifizieren zu lassen – manchmal aus genereller Skepsis gegenüber den Bio-Siegeln überhaupt.

Dennoch sind einige Baumbesitzer motiviert, ihr Obst aufzusammeln und abzuliefern. Damit alleine ist es aber nicht getan, denn nur gesunde und gepflegte Bäume werden alt und bringen hochwertiges Obst hervor, um schmackhaften Saft pressen zu können!

Was kann man also tun, damit die Bäume auf den Streuobstwiesen wieder geschnitten, gedüngt und erhalten werden?

P1100712Eines ist klar: Streuobstwiesen gehören zu unserer Kulturlandschaft und sind damit ein ideeller Schatz, den es wieder mehr wertzuschätzen gilt, auch wenn die Menschen heute nicht mehr auf das Obst als Beitrag zur Ernährung angewiesen sind. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass man die Pflege von Streuobstwiesen in Eigenleistung als sehr befriedigendes Hobby zur Selbstversorgung betreiben kann, wo man bei jedem Schluck Saft weiß, was darin steckt.

Zunächst muss ein Obstbaumbesitzer erst einmal verstehen, dass es sich tatsächlich lohnt, auch ältere Bäume noch zu pflegen. Wer sich dann für die Pflege und den Erhalt seiner Bäume entscheidet, sich dazu aber Fremdleistung einkaufen muss, ist schnell bei der Rechnung, dass der finanzielle Einsatz durch die Obstpreise nicht aufgewogen wird - wirtschaftliche Vergütungserwartungen sind hier utopisch.

Genau hier ist der Knackpunkt, an dem alle Parteien – Moster, Baumbesitzer, Obst-Fachwarte, Land, Kreis und Gemeinden – kooperieren und „sich in der Mitte treffen“ müssten.

Gelder für die Pflege und die Nachpflanzung von Obstbäumen gibt es zwar, vor allem überregionale Förderungen waren in der Vergangenheit aber oft an Bedingungen geknüpft, die auf unsere Gegend nicht zutrafen. Der Landkreis Biberach hat nun eine regionale Förderung auf den Weg gebracht, die aber sicher bei Weitem nicht ausreichen wird, um für die Zukunft unserer Region einen Kollaps des Baumbestandes und damit der Obsternte verhindern zu können. Jede Gemeinde könnte vor Ort etwas dazutun, vor allem auf den nachgepflanzten Ausgleichsflächen der letzten Jahre steht das Potenzial der Zukunft: die Jungbäume bedürfen wie unsere Kinder am Anfang ihres Lebens besonderer Pflege und Aufmerksamkeit, damit sie überhaupt ins Ertragsalter kommen und die heute erwachsenen Bäume ersetzen können!

Also müssen weitere Kompromiss-Schritte gegangen werden. So könnten die Keltereien ihren Obstlieferanten direkt eine Förderung zukommen lassen, z.B. in Form von Pflegegutscheinen, mit denen ein Fachwart für den Obstbaumschnitt bezahlt werden könnte. Auch bei der Nachpflanzung auf bestehenden Obstwiesen wäre ein Zuschuss denkbar, Beratung schon bei der Sortenwahl. Generell eine gute Beziehung miteinander pflegen ist unersetzbar. Lieferverträge mit den Baumbesitzern sind eine weitere Möglichkeit, die schon praktiziert wird. Sie passt aber nicht für alle Keltereien und hat ihre Grenzen.

Es gibt keine einfache Patent-Lösung, das Netzwerk der Fachwarte möchte die Keltereien bei der Erarbeitung von Möglichkeiten und Wegen aber gerne unterstützen, ihre Existenz sichern und unsere Kulturlandschaft erhalten.SaftPressenmitKindern

Ein Fachwart berichtete von einer lokalen Initiative, die Obst, das komplett liegen geblieben wäre, in einer Freizeit-Aktion aufgesammelt und gepresst hat. Bag-In-Box abgefüllt können Kinder der Gemeinde in Schule und Kindergarten nun täglich IHREN Saft trinken.

Auch die Verbraucher können entscheidend mithelfen, indem sie im Lokal nach regionalen Säften fragen und beim Einkauf genau auf das Etikett achten: wenn 100% Direktsaft darauf steht ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Saft einen weiten Weg hinter sich hat, gering. Am Sichersten geht man im Laden der Keltereien direkt, ihre eigenen Marken sind aus Obst der regionalen Streuobstwiesen gepresst – ungespritzt auch wenn nicht extra Bio drauf steht! Eine Liste unserer Mostereien im Landkreis Biberach gibt es als Download auf dieser Homepage.