Fortbildung Erziehungsschnitt an Jungbäumen

Man kann nicht oft genug betonen, wie wichtig eine gute Pflege und Erziehung in den ersten Lebensjahren sind...

 ... nein, wir sprechen hier nicht von Menschenkindern, sondern von "Baum-Kindern" - dennoch sind Parallelen erkennbar!

 

Auf einer Wiese in Stafflangen mit einigen 2012 nachgepflanzten Hochstämmen gingen die Fachwarte zunächst theoretisch auf die wichtigsten Punkte in der Kindheit eines Obstbaumes ein:

Wühlmauskorb bei der Pflanzung (verzinkt vs. unverzinkt)

Düngung - von Nichts kommt Nichts

Baumscheibe  - die ersten Jahre frei von Bewuchs halten (in der Größe des Pflanzloches)

Stammschutz - Weißanstrich als Vorbeugung vor Frostrissen und Rindennekrosen

 

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Die Anwendung des mitwachsenden Stammanstrichs Arboflex konnte hier ausprobiert werden: die noch glatte Rinde nahm die gelbe, relativ flüssige Grundierung gut an. Nur an einem Baum mussten vorher Flechten abgerubbelt werden. Nach dem Trocknen wurde die weiße "Pampe" bis zum Anstatz der Leitäste aufgetragen. Die Verarbeitbarkeit von Arboflex war sehr gut, die Fachwarte können sich nun selbst ein Bild machen, wie haltbar, mitwachsend und gut es für Jungbäume ist.

 

Neben dieser allgemeinen Baum-Wellness stand natürlich der Erziehungsschnitt auf dem Plan:

3 Leitäste im richtigen Winkel, kein flaches Ableiten der Leitäste nach außen, keine Gabelverzweigungen, keine zu frühen und zu dicken Fruchtäste, ...

Anschneiden der Leitäste auf Saftwaage, die Mitte im Gegenwinkel entsprechend höher.

 

Bei der Gelegenheit wurde der Aspekt des Umkehrauges aus dem Öschbergschnitt nach Palmer erläutert und anhand der Wachstumsgesetze und Beobachtungen durchgedacht. Das Anschneiden auf Umkehrauge gründet auf der Erfahrung, dass oft das 2. Auge unterhalb des Schnitts am stärksten austreibt, da das oberste Auge unter der Verdunstung am Schnitt leidet.

Somit achtet man darauf, dass das Auge in der gewünschten Richtung, das 2. Auge ist. Der neue Trieb daraus ist meist kräftig und steil, wird aber von dem Trieb des Innenauges "nach außen in den richtigen Winkel gedrückt". Im Jahr darauf wird in diesem Fall der innere Trieb dann ganz entfernt.

 

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Auf welches Auge auch immer - wichtig ist ein konsequenter Schnitt in den ersten 5 Jahren, damit ein Obstbaum eine kräftige und statisch tragfähige Krone bildet, um die tonnenschwere Last an Obst später tragen und ausreifen zu können ohne dass Äste gestützt werden müssen oder gar ein Ast abreißt. 21 Fachwarte vertieften diese Punkte dann beim praktischen Schneiden und verinnerlichten durch diese Übung das Bild eines jungen Baumes in den ersten Jahren nach der Pflanzung.

 

Das verdiente Abschluss-Vesper wurde dann wegen Regens spontan in eine Garage verlegt, wo die Fachwart noch einige weitere Fragen diskutierten.

 

 

 

Winterschnitt: Revitalisieren und Düngen

Der alte Obstgarten einer jungen Familie war das Ziel der 17 Fachwarte vergangenen Samstag.

Zum Auftakt gab es Hinweise und Informationen zum sicheren Arbeiten mit und auf der Leiter. Laut
Berufsgenossenschaft SVLFG passieren Gott sei Dank "nur" 5 % aller Unfälle auf der Obstbaumleiter.
Unter http://www.svlfg.de/30-praevention/prv051_fachinfos_a_z/prv0502-landwirtschaft-forstwirtschaft-jagd/12_leitern/index.html
steht eine Broschüre zum Download bereit.

 

Freundlicherweise besuchte uns außerdem Wagner Jürgen Steck aus Langenau mit seinen Obstbaumleitern undsteck2
erläuterte die Anforderungen und die Bauweise seiner Holz-Leitern. Diese konnten wir beim anschließenden Schneiden auch gleich ausprobieren.

 

Der Baumbestand ist sehr alt und der erste Eindruck war geprägt von viel Totholz, Obstbaumkrebs, Pilz-Fruchtkörpern und dichten Kronen. Auffällig war, dass die meisten Bäume kaum Jahreszuwachs hatten, selbst bei zwei ganz jungen Bäumen war zu erkennen, dass hier dringend gedüngt werden sollte!
WS1Dennoch wollten wir sehen, ob durch einen Schnitt im Winter nicht doch noch die Lebensgeister zu wecken wären.

Mit einem mäßigen Schnitteingriff, hauptsächlich durch einfaches Auslichten, Entfernen von Überbauungen im oberen Kronenbereich und Aufleiten von stark abhängenden Ästen, wollten wir dies erreichen, aber ein zu starkes Austreiben vermeiden.

 

Diese Aktion gehört zur Netzwerk-Initiative "SOS Streuobstwiese", was bedeutet, dass sich der Wiesenbesitzer verpflichtet,
die Bäume im Anschluss weiterzupflegen - entweder mit Fachkenntnis selbst oder durch einen Fachwart.
In diesem Fall wird eine Fachwart-Kollegin aus der Umgebung für die weitere Pflege wiederkommen und dem Besitzer beim gemeinsamen Schneiden das nötige Wissen vermitteln.

 

 

Da der Altbestand dennoch seine besten Jahre offensichtlich hinter sich hat, wird es Zeit, junge Bäume nachzupflanzen,
die dann durch einen konsequenten Erziehungsschnitt eine tragfähige und lockere Krone aufbauen können.
Für den jüngsten Familienzuwachs im Februar ist sowieso ein "Kinds-Baum" fällig und wenn die Kinder mal größer sind,
können Papa oder Mama dann selbst die Fachwart-Ausbildung machen :-)

Gemeinsames Beratschlagen und Erfahrungsaustausch unter Fachwarten sowie eine leckere Verpflegung auf der Wiese
waren der Lohn für die fleißigen Fachwarte.

Runder Tisch Fruchtsaftkeltereien

Der niedrige Obstpreis sorgte dieses Jahr für zahlreiche Diskussionen.

Dies war einer der Gründe weshalb das Netzwerk der Fachwarte zum ersten Runden Tisch mit den Fruchsaftkeltereien im Landkreis Biberach einlud.

Neben den Fachwarten nahmen sechs Mostereien am Runden Tisch teil.

Interessant für die Fachwarte war besonders, wie die Mostereien die momentane Situation bewerten und welche Perspektiven sie für ihren Betrieb und den (Streu-) Obstbau im Landkreis sehen.

Die Mostereien beklagen eine Verschlechterung der Obstqualität, welche insbesonders auf den schlechten Pflegezustand der Bäume zurück zuführen ist.

Auch wird sehr viel Obst verfrüht geerntet, so dass die Äpfel unreif abgegeben werden. Worunter die Saftqualität leidet.

Alle Mostereien sehen ihre Zukunft bei den Kleinerzeugern, den Gartenbesitzen mit ein paar Obstbäumen. Es gibt immer weniger Landwirte mit großen Streuobstwiesen.

Konsens war, dass ein Austausch und auch Kooperationen (z.B. Schnittkurse) zwischen den Mostereien und den Fachwarten ein wichtiger Schritt sind, um sich gemeinsam für den Erhalt der letzten Streuobstbestände stark zu machen.

 

Lernen zu Lehren

Auch dieses Jahr fand wieder die Fachwartfortbildung "Lernen zu Lehren" statt. Auch beim dritten mal waren die Plätze im Lehrsaal des Landwirtschaftsamtes gut besetzt.

Vorallem die "neuen" Fachwarte und Fachwartinnen des 5. Fachwartkurses waren zahlreich vertreten. Aber auch Fachwart-Kollegen aus dem Landkreis Ravensburg und dem Rems-Murr-Kreis zählten zu den Seminar-Teilnehmern.

Die Teilnehmer konnten nicht nur eine Powerpointpräsentation für ihre zukünftigen Schnittkurse mit nachhause nehmen, sondern sie durften auch von der Schnittkurserfahrung der beiden Referentinnen Antje Beducker und Claudia Klausner profitieren.

Wie beim Obstbaumschnitt, gilt bei der Durchführung eines Schnittkurses: trau dich und sammle eigene Erfahrungen!